Donnerstag, 17. März 2016

Der tiefste Grund - noch mehr Seiten


Für diejenigen unter euch, die schon vorauslesen möchten: Ab heute könnt ihr auf dieser Seite die Fortsetzung des ersten Kapitels von Band 8.1 lesen. Falls ihr den Anfang des ersten Kapitels noch nicht kennt, findet ihr ihn unter diesem Link:

Band 8.1, Kapitel 1 - zweiter Teil:

„Sieh mal!“, sagte Hanns und hob die Hand. Mit dem Finger zeigte er auf eine Stelle in seinem Gesicht, die zuvor durch einen Tarnzauber verborgen gewesen war. Ein blutiger Kratzer zog sich quer über Hanns’ linke Wange. Lisandra gab einen Laut der Überraschung von sich.
„Damit läufst du herum?“, fragte sie. „Estephaga könnte die Schramme sofort mit einem Heilzauber entfernen!“
„Ich könnte das auch, wenn es ein normaler Kratzer wäre. Aber er ist mit übelster Magikalie aufgeladen und daher nicht mit simplen Standardzaubern heilbar.“
Lisandra lachte los.
„Du sprichst von ... Cruda-Magie?“
Er antwortete nicht, aber lachte ebenso, was Antwort genug war.
„Was hast du verbrochen?“, fragte Lisandra. „Warum hat sie ihre Krallen ausgefahren?“
„Sie war eine Katze und es war nur Spaß“, erklärte er. „Oder was Crudas so unter Spaß verstehen. Gut, vielleicht habe ich sie auch ein wenig gereizt, weil ich nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt habe ...“
„Was du natürlich mit voller Absicht getan hast!“
„Trotzdem kam der Angriff überraschend.“
„Du hast es bestimmt verdient.“
„Das Blöde ist“, sagte er, „dass ich jetzt warten muss, bis die Wunde auf normalem Weg ausheilt, und bis dahin muss ich mit diesem lächerlichen Tarnzauber herumlaufen. Die Leute sollen mich schließlich für einen allmächtigen Weltbeherrscher halten und da passt so ein Kratzer nur schlecht ins Bild.“
Mit unverhohlener Schadenfreude inspizierte Lisandra das Zeugnis von Scarletts Zorn in Hanns’ sonst so ansehnlichem Antlitz.
„Es könnte durchaus heldenhaft aussehen“, sagte sie, „wenn du dir den Kratzer im Kampf mit einem Drachen zugezogen hättest. Als Abzeichen deiner Tapferkeit.“
„Sie ist ein Drache!“, antwortete er. „Und sie zu lieben, ist lebensgefährlich, wie du ja wohl weißt.“
Lisandra war klar, worauf er anspielte. Erst vorgestern hatten sie und ihre Freundinnen die aufgebrachte Scarlett mal wieder von ihrer erschreckendsten Seite kennengelernt. Es war eine dieser Filmaufnahmen im Hungersaal gezeigt worden, die dafür sorgen sollten, dass die ganze Welt geschlossen hinter Hanns und seinen Verbündeten stand und angesichts der hübschen Bilder des Regenten-Paares alle Sorgen, Ängste und Nöte für eine Weile vergaß.
Leider zeigte eins dieser Bilder den schmucken Hanns mit seiner anmutigen Verlobten bei einer prunkvollen Abendveranstaltung in Tolois. Hanns hielt Lumilis Hand, führte sie durch eine Art Ballsaal voller herausgeputzter Gäste und ließ es geschehen, dass sie sich hingebungsvoll an seinen Arm schmiegte und ihn betörend anlächelte. Was dann geschah, hätte das Filmglas besser nicht eingefangen, denn Hanns drückte als Antwort seine Lippen auf Lumilis Stirn und die Welt sah einen Kuss, der so hochromantisch und zärtlich wirkte wie der Inbegriff der größten und reinsten Liebe.
Scarlett war es gelungen, im Hungersaal die Fassung zu bewahren, doch danach, im Zimmer 773, hatte sie ihrer Wut freien Lauf gelassen, was bedeutete, dass es in dem kleinen Raum extrem dunkel, selten unangenehm und überaus gruselig geworden war. Selbst Lisandras widerstandsfähiges Gemüt war dadurch auf eine harte Probe gestellt worden.
Zwischenzeitlich beruhigte sich die wütende Cruda wieder, doch nachdem Maria Hanns und Haul in Tolois abgeholt, durch ihre Spiegelwelt geführt und in das Zimmer der Mädchen gebracht hatte, in dem Scarlett immer noch schweigend schmollte, durften Lisandra und ihre Freundinnen erleben, wie tapfer Hanns tatsächlich war.
Scarlett und Hanns verschwanden fliegend im Garten und kurz darauf brach ein denkwürdiges Unwetter los. Bei den Cruda-Blitzen und bösartigen Donnerschlägen, die auf die Festung herniederfuhren, bekam selbst Haul Angst um Hanns’ Unversehrtheit. Doch das Unwetter beruhigte sich irgendwann, die Festung stand am nächsten Morgen noch und Scarletts Lächeln am Frühstückstisch ließ vermuten, dass die Auseinandersetzung ebenso wie die anschließende Versöhnung ganz nach ihrem Geschmack verlaufen waren.
Die Sache mit Lumili war aber auch eine schwierige Angelegenheit. Lisandra nahm zwar stark an, dass Hanns die Wahrheit sagte, wenn er behauptete, dass ihm nichts an seiner Verlobten lag. Bestimmt tat er auch nichts Verwerflicheres, als Lumili ab und zu ein paar harmlose Küsse zu geben. Doch Lisandra hätte keine solche Filmaufnahme von Haul und einem anderen Mädchen sehen wollen, noch dazu vor dem Hintergrund, dass Hanns das sagenhaft schöne Geschöpf, das er so zuvorkommend behandelte, womöglich eines Tages wirklich würde heiraten müssen. Insofern verstand Lisandra Scarletts Wut. Sie verstand aber auch, dass Hanns ein wichtiges Ziel verfolgte. Er war entschlossen und er würde weit gehen – zu weit vielleicht – um zu schaffen, was er sich vorgenommen hatte.
Lisandra schreckte aus ihren Gedanken hoch, da nun passierte, worauf sie und Hanns gewartet hatten: Die Tür, die früher in die neue Welt geführt hatte, öffnete sich und Gerald trat in den Keller, in Begleitung von Viego Vandalez. Im Hintergrund sah Lisandra kurz das Treppenhaus der Spiegelwelt aufschimmern – es war der einzige Ort, an den diese Tür noch führte, und das auch nur, wenn sich Maria in der Spiegelwelt aufhielt. Viego Vandalez nickte grimmig in Richtung Hanns.
„Wo ist Haul?“
„Kommt gleich“, erklärte Hanns. „Keine Sorge!“
„Ich mache mir keine Sorgen“, erwiderte Viego, „aber meine Zeit ist knapp.“
„Meine auch“, sagte Hanns. „Haben wir d-das Problem nicht alle?“
Viego ignorierte den Einwand und schimpfte stattdessen los:
„Die Arbeiten, die ich vor einer Woche in Auftrag gegeben habe, sind immer noch nicht erledigt! Nicht mal zur Hälfte! Ich frage mich, ob deine Leute die richtige Moral an den Tag legen oder ob sie sich in der Sonne Lettimurs nur gründlich ausruhen möchten!“
Hanns warf Lisandra und Gerald einen vielsagenden Blick zu, den diese ebenso vielsagend erwiderten. Es war kein Geheimnis, dass Viego Vandalez den Eroberer von Amuylett seit genau dem Tag nicht mehr ausstehen konnte, an dem ihm von der heimlichen Liebesbeziehung zwischen Scarlett und Hanns berichtet worden war – einer Affäre, die in ihrer schlimmsten Konsequenz bedeuten konnte, dass Lettimur für den Rest der Ewigkeit ohne Viegos Lieblings-Cruda auskommen müsste. Es sei denn, Hanns brach Scarlett noch rechtzeitig das Herz, indem er bei einem Weltuntergang starb oder eine andere heiratete.
Obwohl es – darin waren sich Lisandra und Gerald einig – absolut aussichtslos war, versuchte der Halbvampir immer wieder, einen Keil zwischen Scarlett und ihre unmögliche große Liebe zu treiben. Er wollte sie unbedingt davon überzeugen, dass der blonde, sich selbst maßlos überschätzende und penetrant unersättliche Fortinbrack-Junge nicht dazu geeignet wäre, Scarlett für immer glücklich zu machen.
„Er taktiert, er intrigiert, er hat die falschen Freunde und eine Verlobte, die er nicht verdient!“, hatte Viego erst gestern wieder gepredigt. „Er liebt das Risiko und den Nervenkitzel und du bist nur eine der Attraktionen, mit denen er seine fragwürdigen Anstrengungen würzt. Je eher du begreifst, dass er dich nur als willkommene Abwechslung missbraucht, desto besser!“
„Auf wen soll ich mich denn sonst stürzen?“, hatte Scarlett erwidert, wobei allen Anwesenden klar gewesen war, dass sie die Einwände des Halbvampirs nicht eine Sekunde ernst nahm. „Wer ist gut genug für mich? Gerald vielleicht?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Ich finde nur, du solltest dein großes, spezielles und von mir sehr geschätztes Cruda-Herz nicht wegwerfen, indem du dich von einem größenwahnsinnigen pubertierenden Super-Zauberer an der kurzen Leine herumführen lässt wie ein beschränktes, treudoofes Hündchen.“
An der Stelle hatte Scarlett kurz nach Luft geschnappt und es war Viego anzusehen gewesen, dass er erwog, ein wenig einzulenken, doch irgendetwas an seiner Aussage veranlasste Scarlett, ganz plötzlich ihren Blick abzuwenden und dabei so verträumt auszusehen, dass Viego beschloss, mit aller Konsequenz bei der Härte seiner Worte zu bleiben. Als Scarletts Aufmerksamkeit zu ihm zurückkehrte, verblüffte sie ihn mit einem unerwartet sanftmütigen Tonfall.
„Du brauchst nicht besorgt um mich zu sein, Viego!“, sagte sie. „Es soll unschuldigere Mädchen geben als mich, die sich wider alle Vernunft in gefährliche Männer verlieben – in Halbvampire zum Beispiel! Also lass mir meine verhängnisvolle Liebe, es sei denn, du bereust, dass sich Geraldine vor langer Zeit für dich entschieden hat.“
In solchen Momenten bereute es Viego sicherlich, dass er Scarlett gebeten hatte, sie zu duzen. Die Autorität, die mit einem förmlichen Sie einherging, hätte er in diesem Moment gut gebrauchen können.
„Mich und Hanns kannst du wohl kaum vergleichen“, hatte er gebrummt. „Geraldines Herz war bei mir sicher.“
„Mein Herz braucht keine Sicherheit“, hatte Scarlett erwidert, „sondern Leben!“
 Diese Einstellung konnte und wollte Viego nicht teilen, doch das bewahrte ihn nicht davor, ebenfalls auf den Unsicherheitsfaktor Hanns angewiesen zu sein, denn nur mithilfe des Amuylett-Eroberers ließ sich die neue Welt schnell und effektiv auf den Zuzug vieler Menschen vorbereiten.


Dienstag, 15. März 2016

Tiefe Gründe


Eine Leserin hat mich gefragt, was mit „Der tiefste Grund“ gemeint ist – ob es sich dabei um einen Grund wie den Meeresgrund handele oder eher um ein Motiv. Oder beides? Tatsächlich besitzt der Titel des nächsten Sumpfloch-Saga-Bandes beide Bedeutungen: Der tiefste Grund beschreibt einerseits einen Ort; in diesem Fall ist es der tiefste Stollen in den Minen des Verfluchten Tals und damit der tiefste Grund Amuyletts.
Und andererseits beschreibt er so etwas wie eine letzte Antwort, einen tiefsten Gedanken, einen bis ins Letzte hinterfragten wahren Grund. Dieser Grund muss gar nicht ausgesprochen werden, aber das Suchen danach, das Hinabsteigen im eigenen Geist auf der Suche nach dem, was wirklich von Bedeutung ist – das soll der Titel auch ausdrücken.
Das Schreiben der Saga ist ebenfalls ein solches Hinabsteigen, eine Suche nach den wesentlichen Schritten. Eine solche Suche sollte man nicht zu verbissen oder zu ernst angehen. Das Schwierige – und gleichzeitig auch das Gute daran – ist, dass man nur tanzend in den richtigen Takt kommt, im Schreiben wie im Leben. Die Gedanken springen an die richtige Stelle, an die sie gehören, wenn man sie loslässt und dabei das Wesentliche im Blick behält. Es ist nicht ganz so einfach, wie es klingt :-). Doch ich lerne täglich dazu und die Geschichte wächst.

Donnerstag, 25. Februar 2016

Der tiefste Grund - die ersten Seiten


So könnte der erste Teil des achten Bandes aussehen, der hoffentlich im Juli oder August 2016 erscheint. Versprechen kann ich allerdings noch nichts; im schlimmsten Fall kann es auch Herbst werden. Zum Trost für die lange Wartezeit habe ich mir etwas überlegt: Und zwar könnte ich euch immer mal wieder ein paar Seiten des neuen Bandes zum Lesen anbieten, sodass ihr euch im Juli oder August schon in die ersten drei Kapitel eingelesen habt. Habt ihr darauf Lust? Falls ja, findet ihr die ersten sechs Seiten des Bandes 8.1 an dieser Stelle als Amuylett-Notration. Dabei handelt es sich allerdings noch um eine Arbeitsfassung – das heißt, der Text wird sich bis zur Veröffentlichung vermutlich noch ein bisschen ändern.

Kapitel 1: Gegen die Zeit

„Zwei Wochen“, sagte Hanns. „Mehr nicht.“
„Zwei Wochen wofür?“, fragte Lisandra, die diese knappe Antwort auf ihre sehr eindringlich gestellte Frage gar nicht befriedigte. „Für die Erforschung der Antimagikalie? Für die Planung der Expedition ins Verfluchte Tal? Für die Expedition selbst?“
„Für all das“, erwiderte Hanns seelenruhig, „und außerdem für die Eindämmung der magikalischen Lecks, nachdem wir die Expedition erfolgreich abgeschlossen haben.“
„Unmöglich!“, rief Lisandra. „Das schaffst du niemals.“
„Du wolltest wissen, wie viel Zeit noch bleibt“, sagte er. „Ob es möglich oder unmöglich ist, musst du schon mir überlassen.“
Lisandra blickte in dem trostlosen Keller umher, der mittlerweile ihr zweites Zuhause geworden war. Ursprünglich hatte diese unterirdische Anlage einem ausgewählten Teil der Bevölkerung als letzte Zuflucht in einer untergehenden Welt dienen sollen. Entsprechend zweckmäßig und nüchtern war der Keller angelegt, gigantisch in seinen Ausmaßen, seelenlos in seiner Ausführung. Doch Lisandra hatte den Keller lieben gelernt, war er doch der einzige Ort, an dem sie und Haul relativ ungestört Zeit miteinander verbringen konnten. Wann immer es hier unten Aufgaben zu erledigen galt, meldeten sie sich beide freiwillig.
„Eigentlich hatte meine Frage auf etwas ganz anderes abgezielt!“, sagte sie nun. „Und das weißt du auch!“
„Ach ja?“
Als Lisandra gefragt hatte, wie viel Zeit ihnen noch blieb, da hatte sie vor allem an Haul gedacht. Daran, dass er sterben würde, wenn diese Welt starb, weil er und die anderen Super-Gespenster in der neuen Welt nicht überleben konnten. Die magikalischen Lecks nahmen täglich beängstigendere Ausmaße an und wenn es Hanns nicht gelingen würde, die Lecks einzudämmen und damit die Zerstörung von Amuylett zu stoppen, würde Lisandra sehr bald sehr einsam sein.
„Von den paar Tagen, die mir und Haul noch bleiben, wirst du uns den größten Teil rauben, richtig?“, fragte Lisandra. „Du wirst ihn mitnehmen wollen zu deiner selbstmörderischen Expedition und von mir verlangen, dass ich hierbleibe! Ist doch so, oder?“
„Eher umgekehrt“, sagte Hanns. „Wenn man bei einer selbstmörderischen Expedition etwas wirklich gut gebrauchen kann, dann ist es ein Mädchen, das nicht sterben kann!“
Lisandra runzelte die Stirn.
Ich soll mitkommen und Haul soll hierbleiben?“
„Haul muss für mich die Stellung halten. Außerdem ist es für ein Super-Gespenst in der Nähe einer Antimagikalie-Quelle viel zu gefährlich. Rémi protestiert zwar noch, aber ich habe vor, sie alle hier zu lassen.“
„Alle Super-Gespenster?“
„Ja“, sagte Hanns, „je weniger wir sind, desto besser. Es wird im Verfluchten Tal nicht darum gehen zu kämpfen, darum brauche ich keine Leibgarde.“
„So hat er das also gemeint“, sagte Lisandra nachdenklich. „Er hat mir erklärt, dass der Tag, an dem du aufbrichst, der Tag sein könnte, an dem wir uns für immer trennen müssen. Wann wird dieser Tag sein?“
„Am liebsten heute. Aber Berry und Rémi wollen noch ein paar Antimagikalie-Experimente durchführen, also streiten wir uns jeden Morgen um die Länge der letzten Frist.“
„Habt ihr euch heute Morgen auch schon gestritten?“
„Ja, haben wir“, sagte Hanns mit einem Lächeln, dass Lisandra erahnen ließ, dass es der letzte Streit in dieser Frage gewesen war.
„Also wann?“, fragte sie.
„In drei Tagen“, antwortete er. „Tut mir wirklich leid, Lissi.“
Das meinte er ernst. Im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten, die Hanns nur schwer durchschauten, war es Lisandra noch nie schwergefallen, die Wahrheiten zu erkennen, die sich in diesen grauen Augen abspielten. Heute erkannte sie darin Bedauern, gepaart mit einer furchteinflößenden Entschlossenheit.
„Und es geht bestimmt nicht anders?“, fragte sie. „Du hältst mich bei dieser Expedition für absolut unentbehrlich?“
„Ist doch schön, wenn man gebraucht wird“, antwortete er. „Hast du dich nicht immer darüber beklagt, wie nutzlos fünfte Erdenkinder sind? Freu dich, die Zeiten sind vorbei, dein Talent ist unschlagbar wertvoll für mich!“
„Danke, ich habe etwas gelernt, ich möchte wieder nutzlos sein.“
„Zu spät.“
„Könntest du wenigstens aufhören, mich so von oben herab anzugrinsen?“, fragte Lisandra. „Von mir verlangst du Verzicht und du selbst schöpfst aus dem Vollen!“
„Wovon redest du?“
„Na, von deiner bevorzugten Geliebten! Du wirst bestimmt nicht ohne sie aufbrechen.“
„Da täuschst du dich“, sagte Hanns. „Scarlett muss Lieblose jagen, es werden gerade viel zu viele falsche Engel an den Rändern der Lecks geboren. Einige sind uns während der letzten Kriegstage unbemerkt entwischt. Es wäre egoistisch, Scarlett mitzunehmen, zumal sie uns nicht helfen könnte. Wie gesagt, diesmal kommt es nicht auf Kampfkraft an.“
„Sondern auf was?“
„Auf Glück, Einfallsreichtum und wandelnde Wunder wie dich.“
„Wenn Scarlett und die Super-Gespenster hierbleiben – wen willst du dann mitnehmen außer mir? Berry?“
„Berry und Gerald, das war’s.“
„Wieso Gerald?“, fragte Lisandra erstaunt. „Damit du ihn unterwegs mit Magikalie aufladen kannst?“
„Wenn es möglich wäre, würde ich alle Erdenkinder mitnehmen. Ihr seid Wesen ohne eigene Magikalie und ich hoffe, ihr könnt euch der Quelle nähern, ohne von ihren Auswirkungen getötet oder verletzt zu werden. Aber Marias oder Thunas Leben darf ich nicht aufs Spiel setzen. Maria ist die Tür zur neuen Welt und ohne Thuna gibt es in der neuen Welt keine Zukunft. Das Gleiche trifft auf Grohann zu, also gehen wir ohne sie.“
Lisandra nickte halbwegs einsichtig. Nicht dass sie schon verarbeitet hätte, was Hanns ihr gerade eröffnet hatte, aber das Nicken half Lisandra dabei, sich mit den Gegebenheiten abzufinden. Drei Tage also noch. Na gut.
„Morgens oder abends?“
„Was?“
„Der Aufbruch ins Verfluchte Tal.“
„Wir gehen nach Einbruch der Dunkelheit los. Ein Ausgang des Kellers führt direkt zu den Ruinen von Tolovis und von da sind es nur noch ein paar Stunden Fußweg, bis wir den Rand des Tals erreichen. Im Morgengrauen gehen wir unter die Erde.“
Hanns hob den Kopf – ein ungewöhnliches Geräusch hatte gerade die Stille des Kellers erschüttert. Lisandra war sofort klar, woher das Geschepper rührte: Dandelia Pimbel, die Wasserspeier-Katze, die Otemplos einst zum Leben erweckt hatte, tauchte ständig an den unmöglichsten Orten auf, wie aus dem Nichts. Und ebenso plötzlich verschwand sie auch wieder.
Lisandra hatte eine ungefähre Ahnung davon, wie die Katze das machte: Sie sprang in die Zauberzeit, legte dort Wege zurück, die nur sie kannte, und sprang innerhalb kürzester Zeit zurück in die Wirklichkeit – dahin, wo sie sein wollte. Wie ihr das gelang, ohne dabei Stunden, Tage oder gar Wochen zu verlieren, war Lisandra allerdings ein Rätsel. Die Auskünfte der Katze diesbezüglich halfen ihr auch nicht weiter, denn sie waren typisch arrogant und nutzlos formuliert: ‚Stell mir doch nicht so blödsinnige Fragen’, pflegte die Katze zu murren, ‚so etwas kann man oder man kann es nicht.’
Nun ja, Lisandra konnte es nicht. Vielleicht hätte sie es lernen können, wenn das Schicksal ihr die Zeit dazu gelassen hätte, aber der letzte Rest Zeit, den sie noch hatte, verrann viel zu schnell. Ein bisschen neidvoll beobachtete sie nun Dandelia Pimbel, wie diese im sichersten Keller-System der Welt durch ein Regal spazierte, in dem sie garantiert nichts zu suchen hatte.
„Könntest du deiner Katze bitte erklären, dass sie einen großen Bogen um die Dunkelheits-Taster da oben machen sollte?“, fragte Hanns. „Sie sind hochempfindlich und sollten noch funktionieren, wenn wir das Verfluchte Tal betreten!“
„Das muss ich ihr nicht erklären, sie versteht dich sehr gut!“, erwiderte Lisandra. „Was aber nicht heißt, dass sie deine Sorgen ernst nimmt. Im Grunde ist es nutzlos, ihr irgendwas aufzutragen oder sie um etwas zu bitten, denn sie macht aus Prinzip immer das Gegenteil – oder auch mal gar nichts, wenn man fest mit dem Gegenteil rechnet.“
Als wollte die Katze Lisandras Aussage unterstreichen, kickte sie mit ihrem Hinterteil einen der hochempfindlichen Dunkelheits-Taster über die Regalkante. Hanns sauste in einer Gestalt, die Lisandra kaum erkennen konnte, weil sie vor ihren Augen verschwamm, direkt zum Regal und fing den Kasten auf, kurz bevor er am Boden zerschellte.
Kaum hatte sich Hanns in seine menschliche Gestalt zurückverwandelt, den wertvollen Dunkelheits-Taster sicher in seinen Armen, blickte die Katze gähnend vom obersten Regalboden auf ihn herab und fixierte ihn kritisch mit ihren großen hellgrünen Augen. Hanns erwiderte den Blick der Katze verträumt, fast wie gebannt.
„Ich sollte sie bekämpfen oder verscheuchen“, murmelte er schließlich, „aber dummerweise habe ich eine Schwäche für störrische Charaktere.“
„Oh, wirklich – das hast du?“, fragte Lisandra. „Da wäre ich ja nie drauf gekommen.“


Donnerstag, 18. Februar 2016

Zeitverfluggeschwindigkeit


Lisandra liebte Geheimnisse jeglicher Art, doch in diesen Tagen war die Zeit ihr Feind: Bevor sie ihre Nase in Zusammenhänge stecken konnte, die sie eigentlich nichts angingen, sauste die Welt an ihr vorüber und alles, was blieb, war ein schillernder, bunter Schleier von Es-hätte-doch-so-schön-sein-können. Er löste sich vor ihren Augen auf, sie konnte gar nichts dagegen tun. Verheißungsvoll, vergeblich und unwiederbringlich wurden Versprechungen zu Enttäuschungen, von einer Sekunde auf die andere, in diesen womöglich letzten Tagen von Amuylett.
(Aus: Die Sumpfloch-Saga, Band 8.1, Kapitel 1)